Zurück also zum Anfang: Das Ziel der Hyperfiktionen wie von Text schlechthin - ist es, gelesen (und damit erfahren) zu werden. Es sind Erzähl- und Erfahrungswelten wie jeder Text, welche durch den Leser erschlossen werden wollen und sollen. Auf dieser Ebene entziehen sich die Hyperfiktion dem Leser einer quasi-synthetischen gesamtheitlichen Betrachtung, sondern sie entstehen wie jeder Text erst aufgrund spezifischer 'Leser-Arbeit', und im Falle der Hyperfiktionen zusätzlicher noch spezifischer Handlungen am Text, der zudem auch überhaupt erst durch diese Handlungen greifbar wird.
Dies ist der offensichtlichste Unterschied zwischen Hyperfiktionen und gedruckten Texten, oder um mit Aarseth zu sprechen: Auch die Konsistenz der zu lesenden Textons werden bei Hyperfiktionen durch den Leser arrangiert. In gedruckten Texten werden immer dieselben Textons vom Leser aktiviert, die natürlich aus der vorliegenden, auktorialen Konzeption heraus definiert sind. In Hyperfiktionen erscheinen aber durch die Handlung des Lesers an Scriptons diese oder jene Textons gar nicht mehr. Die Folge daraus: Der Leser verändert den Text (oder genauer: die Struktur der Textons) und damit auch seine eigene Lektüre (oder genauer: als Folge auch das Restpotential an möglichen Scriptons). Und diese Textveränderung vollzieht sich an jeder Stelle der Verzweigung von Text (oder genauer: bei jedem Link). Dadurch bewegt sich die Erzählung unmittelbar und durch die Mithilfe des Lesers.
Eine Hyperfiktion projiziert somit momentane Assoziationen, die der Leser auf der Basis des Gelesenen entwickelt. Durch die Ausgestaltung des Möglichen in einer Lektüre entsteht also kein dichotomisch vorhersehbares Raster, sondern so etwas wie ein 'Umfeld an momentanem Erzähltext', nämlich durch die Schaffung von Sinn-Territorien über die Auswertung von Affekten beim unmittelbaren Lesen. Solche Textumfelder könnten nach Deleuze/Guattari etwa als ein regelrechtes Gefüge in [ihrer] individuierten Gesamtheit [3] bezeichnet werden.
In so fern könnte man durchaus bei der Lektüre von Hyperfiktionen einen Querbezug zu den Funktionsweisen rhizomatischer Systeme ziehen, nämlich aufgrund der fortlaufenden Fokussierung auf eine affektive Individualisierung von Lektüre auf der Basis lediglich quasi-statischer, unmittelbarer Textteile.