Von Roberto Simanowski
Die
Diskussion um den Hypertext ist älter als das WWW, das, als
Mega-Hypertext, seine populärste Umsetzung darstellt. Seit
Theodor Holm Nelson in den 60er Jahren Hypertext als "non-linear
text" bezeichnete, gab es Zeit und Raum genug für
Missverständnisse. Einmal abgesehen von Gérald Genettes
völlig anderem Hypertextbegriff aus den frühen 80er Jahren,
bestehen Meinungsverschiedenheiten und Zweifel darin: 1. inwiefern
ein intern oder extern verlinkter Hypertext als geschlossenes oder
offenes Gebilde zu lesen ist; 2. inwiefern die Leser selbst im
Hypertext schreiben (und somit zu Koautoren werden) oder nur
vorgegebenen Links folgen (und somit für viele noch immer zu
Koautoren werden) können; 3. ob die Macht des Autors im
Hypertext gesunken oder gestiegen ist; 4. ob der Hypertext
dekonstruktivistische Theorien umsetzt oder negiert; 5. ob
computererzeugte aleatorische Texte Zukunft oder Sackgasse der
Literatur im Rechner sind; 6. wie man Links semantisieren kann und 7.
welches Potential der Hypertext für die Literatur besitzt. Der
Beitrag greift diese Fragen auf und versucht, in einer umfangreichen
Erörterung einige davon zu klären.
01. Alternativen ohne Folgen - Gavin Inglis HIV-Test-Hypertext
03. Evangelisten des Hypertexts
04. Missverständnis 1: Offenheit des Textes
05. Missverständnis 2: Tod des Autors
07. Kombinatorik und Spiele des Zufalls
1. Alternativen
ohne Folgen - Gavin Inglis HIV-Test-Hypertext
Same Day Test von Gavin Inglis beginnt, wie man sich solche Anfänge vorstellt: Gabrielle ist am Telefon, man hat Monate nichts mehr von ihr gehört, nun ruft sie an: Tom. I'm positive. You'd better get a test. Dann haut sie den Hörer nieder. Unter dem Text stehen zwei Links zur Wahl: Gabrielle und Phone Infirmary. Wer erst mehr über Gabrielle erfahren will, ist danach wieder vor die Wahl gestellt: Phone Infirmary½Dont. Klickt man Dont, liest man: It's better not to know. Because in a way, knowing you have a terminal disease is like already being dead. Your imagination is limited by your knowledge of the future... Von dieser Seite geht kein Link mehr aus, die Geschichte ist am Ende angekommen.
Wer wissen will, wie es weitergeht, klickt im Browser auf Zurück und ruft das Krankenhaus an. Dort erhält man einen Termin und hat wieder die Wahl: zwischen Go und Dont Go (das zum schon bekannten Ende führt). Nach dem Test bleibt Tom Zeit bis vier Uhr Nachmittags. Er bzw. der Leser muss entscheiden, ob er zur Arbeit geht oder nicht. Tut er es, stehen als Links zur Auswahl: Lunch with workmates | Lunch alone, nimmt er sich hingegen frei, heisst die Frage Museum oder Pub. Die Alternativen verzweigen sich weiter und kreuzen sich zuweilen: Man kommt vom Museum, vom Pub und von der Arbeitsstelle zum gleichen Lunch-Platz mit dem gleichen alten Mann als Tischnachbar. Von hier geht es weiter zu Work oder Princess Street Gardens. Viele Links sind nur Umwege, die an der Begegnung im Lunch-Restaurant vorbeiführen oder den Gang zu Jills Haus (Toms früherer Freundin) und schließlich zum Krankenhaus etwas verzögern. Dorthin aber führen schließlich alle Wege, zum letzte Klick, der Result heisst und die Nachbildung eines offiziellen Testdokuments zeigt, durch dessen Angaben man sich erst mühsam durchlesen muss, bis man auf die Meldung negativ stösst. Ende der Links, Ende der Geschichte.
Dies Struktur ist trotz der Überschneidungen im Grunde recht simpel und erinnert an die Choose Your Own Adventure-Geschichten. Sie entwickelt im vorliegenden Kontext ihren Reiz dadurch, dass sie konsequent die kontroversen Entscheidungen und Verhaltensweisen anbietet, die sich in einer solchen Situation ergeben, und den Leser darin verstrickt, als solle er den Ernstfall schon einmal durchspielen. Andererseits ist auch klar, dass es für Tom keine wirkliche Wahl mehr gibt. Er kann nur noch entscheiden, wie und wo er auf das Ergebnis warten will. Die Navigationsalternativen sprechen darin liegt ihre versteckte Didaktik implizit von jener Wahl, die nicht mehr besteht, sobald die Alternative nur noch heisst: Test oder nicht Test. Die Links sind sogesehen die Fortführung der Geschichte, sie sind der Kommentar oder die Moral mit wortlosen Mitteln. Man kann also festhalten: Links verbinden nicht nur Text, sie sind Text.
Erwächst die multilineare Erzählweise somit organisch aus dem Gegenstand, so verfehlt die Geschichte trotzdem die Anforderungen eines literarischen Hypertextes. Das Problem liegt darin, dass die Alternativen keinen wirklichen Unterschied erzeugen. Schickt man Tom z.B. nach dem Test statt ins Museum in den Pub und lässt ihn fünf Pints Bier bestellen, so fühlt er sich dann zwar reichlich betrunken, aber dies bleibt ohne Folgen für seine Handlungen und Gedanken. Auch jetzt gibt es noch einen Link zu Jills Haus. Zwar ruft dieser nun eine andere Datei auf als beim ersten Anlauf, aber der Unterschied der Dateien liegt lediglich in der Uhrzeit es ist eine halbe Stunde später , der Text selbst ist der gleiche. Lässt man Tom jedoch weitertrinken und nach sieben Pint Bier nicht mehr zu Jill, sondern direkt ins Krankenhaus gehen, zeigt die Datei zwar 5.01 Uhr an, aber man stösst auch hier auf den gleichen Text wie zuvor, als Jill um 4.14 Uhr der Ärztin gegenübersaß und das Testergebnis erfuhr. Riecht sie, fragt man sich da, denn seine Fahne nicht! Sollte sich Toms alkoholisierte Verfassung nicht irgendwie im Text wiederspiegeln?
Inglis versucht durchaus, den bisherigen Lese- bzw. Handlungsgang in Rechnung zu stellen. Wer Tom zum Beispiel nach sieben Bier nicht direkt ins Krankenhaus gehen lässt, sondern auf Not yet klickt und erst dann auf den alternativlosen Link zum Krankenhaus, wird mit ihm um 6.35 Uhr schließlich vor verschlossener Tür stehen. There's none of them here now. You're too late. Come back in the morning, lautet die Auskunft des Wachmanns. Eine andere Reaktion auf den zunehmenden Alkoholkonsum liegt darin, dass nach dem siebten Bier der Link zum Hospital einmal Hostipal und einmal Hopsital heisst, womit dieser Text zu einer Art innere Rede des betrunkenden Erzählers wird. Die passende Pointe des Zuspätkommens befriedigt allerdings nur auf der Oberfläche, zumal sie nicht in einen neuen, retardierenden Handlungsstrang führt, sondern das Erzählen einfach beendet, was dazu führt, dass der Leser die Zurück-Funktion des Browsers benutzt, um doch noch pünktlich der Ärztin gegenüberzusitzen. Warum, so ist zu fragen, schlägt sich der gewählte Handlungsgang nur in einer veränderten Uhrzeit nieder. Wenn schon jeweils eine neue Datei mit einer anderen Uhrzeit aufgerufen wird, dann hätte auch der angezeigte Text jeweils dem Gang der Geschichte angepasst werden können. Und nach allen Regeln menschlicher Psychologie: Tom hätte nach so vielem Bier vor dem Haus seiner Ex-Freundin nun andere Gedanken und Gefühle haben sollen.
Wir sind mitten beim Hauptproblem der Hyperfiction: Wie organisiert man, dass der andere Kontext aufgrund anderer Navigation auch Folgen hat? Dank der Kürze seines Textes bewahrt Inglis durchaus genügend Kontrolle über die Navigation seiner Leser, und er hat der überschaubaren Navigationsstruktur auf der Dateieneben durchaus Rechnung getragen. Die Dateien spiegeln die alternative Navigation jedoch immer nur in einer anderen Uhrzeit als vergehe nur mehr Zeit, wenn man drei oder vier Bier mehr trinkt. Im Pub spiegelt der Text Toms veränderten inneren Zustand, im Text danach ist davon nichts mehr zu spüren. Aber wir alle wissen: Man ist auch noch betrunken, wenn man die Kneipe verlässt eine Geschichte, die dem nicht Rechnung träg, verstößt ganz klar gegen die narrative Logik.
Das Hauptproblem jeder Hyperfiction, die Navigationsalternativen vorauszubedenken und jeweils in sich schlüssig zu gestalten, wäre hier leicht zu lösen gewesen. Komplexere Hyperfiction wie Afternoon mit ihren mehr als 500 Links haben diese Chance schon weniger und bei Werken wie Raymond Queneaus Cent mille milliards de poèmes (1961) wird der Text sowieso nicht mehr vom Autor beherrscht, sondern vom Zufall. Womit wir bei den narrativen Aporien der Hyperfiction sind. Aber beginnen wir von vorn: Was ist ein Hypertext, wie liest man ihn und welchen Missverständnissen unterliegt die Theorie?
Der Begriff Hypertext verdankt seine Karriere zunächst seiner nicht künstlerischen Bedeutungsvariante: als Bezeichnung einer spezifischen Technologie der Informationsverarbeitung, die heute den meisten durch das Internet, dem größten aller Hypertexte, bekannt sein dürfte. Kann die Idee dieser Technologie auf Vannever Bushs berühmten Artikel As we may think zurückgeführt werden, so stammt der Begriff selbst von Theodor Holm Nelson, der bereits in den 60er Jahren damit non-linear text bezeichnete (1967, 195) und in seinem Buch Literary Machines später schrieb: by hypertext I mean non-sequential writing text that branches and allows choices to the reader, best read at an interactive screen. As popularly conceived, this is a series of text chunks connected by links which offer the reader different pathways. (0/2)[2]
Nelsons Definition ist nur auf den ersten Blick eindeutig. Im weiteren verwirrt er den Begriff, indem er neben der Nichtlinearität auch der Nichtdruckbarkeit Definitionsrelevanz zuspricht: By Hypertext I simply mean non-sequential writing; a body of written or pictoral material interconnected in such a complex way that it could not be presented or represented on paper. Hypertext is the generic term for any text, which cannot be printed.(1/17) Nichtlinear angeordnete Texte gibt es allerdings auch in Papierform dies zeigen Raymond Queneaus Cent mille milliards de poèmes[3] , undruckbare Texte können andererseits durchaus linear angelegt sein wie etwa alle animierten Texte. Ungeachtet dieses Widerspruchs hat sich Nelsons Begriff durchgesetzt und ist schließlich zu einem Dachbegriff für beinahe jeden Text in den digitalen Medien geworden.
Gegen diese sort of imperialistic classification wendet sich Espen Aarseth in seiner Dissertation Cybertext. Perspectives on Ergodic Literature, der ersten systematisch theoretisierenden Arbeit auf diesem Gebiet: Hypertext is a useful term when applied to the structure of links and nodes, but it is much less so if it includes all other digital text as well. I suggest the term cybertext for texts that involve calculation in their production of scriptons.(1997, 75) Damit ist Hypertext auf jenen ersten Teil in Nelsons Begriffsbestimmung reduziert und Cybertext als Dachbegriff für alle anderweitig auf Berechnung beruhenden elektronischen bzw. digitalen Texte eingeführt: A cybertext is a machine for the production of variety of expression.(3)[4] Die eingeführten Begriffe texton strings as they exist in the text und scripton strings as they appear to readers erklärt Aarseth am Beispiel von Raymond Queneaus Cent mille milliards de poèmes, das Hundert Billionen scriptons hat, aber eben nur 140 textons: die Sonettzeilen, die zur Kombination verfügbar sind (62). Scriptons sind texton combinations (63) und bezeichnen den Umstand, dass digitaler Text der Kombination unterliegt bzw. unterliegen kann. Dass dies mitunter auch der Fall im Printmedium ist, zeigt ironischerweise gerade das gewählte Beispiel Queneau.
Es gibt allerdings eine ganze Reihe weiterer Beispiele für den Hypertext im Printmedium. So lässt Julio Cortázars Roman Rayuela von 1963 durch Hinweise auf alternative Seiten-Anschlüsse unterschiedliche Lektüregänge durch das Textkorpus zu und so verweisen die einzelnen Abschnitte in Milorad Pavić Das Chasarische Wörterbuch (1984) wie in einem Lexikon auf verschiedene Aschlussstellen im Buch (vgl. Hayles). Einen Schritt weiter geht Marc Saportas Kartenspiel-Roman Composition No. 1 (1961), der aus 150 ungebundenen, unpaginierten Blättern besteht, die lose in einem Schuber lagern und in willkürlicher Reienfolge gelesen werden können (vgl. Grimm). Der Lotterieroman deus ex skatola (1964) von Konrad Balder Schäuffelen radikalisiert das Verfahren der Anschlussalternativität, indem er den jeweils zusammenhängenden Text auf Satzausmaß reduziert und auf Papierröllchen Aphorismen und Sentenzen anbietet, die in sich abgeschlossen sind womit zum einen die Frage der Konsistenz gar nicht mehr entsteht, weil, zum anderen, kein narrativer Ansatz mehr vorliegt (Riha 1964, Schäuffelen).[5]
Aber es gibt ältere Beispiele kombinatorischer Dichtung wie die Poetikmaschinen des Barock. Hier sei auf Georg Philipp Harsdörffers Wechselsatz aus dem Poetischen Trichter (1648-53) verwiesen[6] und auf Quirinus Kuhlmanns Libes-Kuß (1671), der einem Wechselspiel von 50 Wörtern in vier Versen die Alternativenzahl von 3,4x10 hoch 17 berechnet, was eine 77stellige Zahl ergibt. Und man kann auf der Suche nach Vorläufern noch weiter zurückgehen, bis hinab zu den Labyrinthgedichten der Antike, wobei da weniger das Kreuzwortlabyrinth interessiert, das den Text in vielfältig verschlungenen Lesewegen einer letztlich linear-progressiven Lektüre darbietet, als das textpermutative Labyrinth, das durch die Vertauschung sprachlicher Bausteine eine Vielzahl an Textkombination erlaubt. Spielform dieser Art ist das Gittergedicht, bei dem neben dem fortlaufenden Text von links nach rechts und von oben nach unten Intextverse auftreten, d.h. herausgehobene Buchstaben im Textkörper zB. diagonal durch den Textkörper , die auch wieder zusammengelesen werden können (Ernst).
Queneaus Sonettenkarussel und eine Reihe anderer Beispiele veranlasste Aarseth, den Begriff Cybertext als Hauptbegriff einzuführen (75), statt zum bereits etablierten Begriff digital text zu greifen. Dessen Unbrauchbarkeit als Distinktionsbegriff verdeutlichte er in einer vorrangegangenen Untersuchung verschiedener gedruckter und digitaler Texte u.a. I Ching, Cortázars Rayuela, Saportas Composition No. 1 und Randi Strands Norisbo. The paper-electronic dichotomy, so Aarseths Resümee, is not supported by our findings. It is revealing and refreshing to observe how flexible and dynamic a book printed on paper can be, and this gives us an important clue to the emergence of digital text forms: new media do not appear in opposition to the old but as emulators of features and functions that are already invented. (74)
Aarseth nimmt damit eine Akzentverschiebung von der Materialität zur Technologie des Textes vor und bezieht zugleich medientheoretisch die Position der Medienkontinuität und -koexistenz. Der Gewinn seiner Perspektive liegt zweifellos in der Erweiterung des Blicks auf Vorläufer und transmediale Kontinuitäten; der Verlust liegt in der Vernachlässigung medienspezifischer Eigenheiten sowie im unterschwelligen Reduktionismus des Ausgangsarguments. Nur unter der Voraussetzung, dass Digitalität allein auf Flexibilität und Kombinatorik verweist und sowohl der Zeitfaktor die Programmierung des Verhaltens von Text auf dem Bildschirm wie die Multimedialität die Verbindung von Text, Bild, Ton nicht als Merkmale digitaler Existenz in Betracht kommen, nur unter dieser Voraussetzung lässt sich Digitalität auch im Printmedium nachweisen. Aber selbst ein solcher Nachweis rechtfertigt noch nicht die gezogene Schlussfolgerung. Während den digitalen Medien Hypertextualität bzw. andere Formen der Kombinatorik als Wesensmerkmal zugeschrieben werden kann, sind die vorgeführten vergleichbaren Beispiele aus dem Printbereich Experimente, die sich gerade dadurch von anderen Vertretern dieses Mediums hervorheben, dass sie dessen Eigenheiten nicht repräsentieren. Es wirkt übereilt, die [7]prinzipiellen Unterschiede zwischen den Print- und den digitalen Medien zu negieren, weil einige experimentelle Vertreter die Grenzen des einen Mediums in Richtung des anderen zu sprengen versucht haben. Die Ausnahme, so ist mit Binsenwahrheiten zu kontern, bestätigt nur die Regel.
Während die von Nelson annoncierte und von Aarseth bestätigte Nichtlineariät bzw. Kombinatorik für den Begriff Hypertext (bzw. Cybertext)[8] verbindlich bleibt,[9] steht die Textualität angesichts der Entwicklung der digitalen Medien zunehmend in Frage. Deswegen wird inzwischen synonym zu Hypertext oft Hypermedia benutzt, wobei viele den traditionellen Begriff in nun weiter gefasstem Sinne vorziehen (Landow 1997, 3; Nielsen 1996, 5; Joyce 1995, 40). Man spricht nicht mehr, wie Nelson einst, von series of text chunks connected by links, sondern allgemeiner entweder von Lexias diesen Begriff führt George P. Landow ein, der ihn wiederum Roland Barthes entlehnte , von Nodes also Knoten im Netz oder einfach von Segmenten.[10]
Hypermedia ist, diese Anmerkung sei angeschlossen, wiederum vom Begriff Multimedia zu unterscheiden, für den Nicholas Negroponte die simple Erklärung parat hat: Diese Mischung von Audio, Video und Daten wird Multimedia genannt: der Begriff klingt kompliziert, beschreibt aber im Grunde nichts anderes als gemischte Bits. (1997, 27) Jakob Nielsen erklärt den Unterschied: Auch wenn viele Hypertextsysteme eigentlich auch Hypermediasysteme sind und viele Multimediaeffekte beinhalten, so ist ein Multimediasystem nicht auch automatisch ein Hypertextsystem [lies: Hypermediasystem]. Die Verbindung von Text und Grafik reicht dazu nicht aus. Viele Multimediasysteme beruhen fast auschließlich auf der Vorführung von verschiedenen Filmclips. Der Benutzer bleibt passiv und kann sich nicht selbständig im Informationsraum bewegen. Man spricht nur dann von einem Hypertextsystem [lies: Hypermediasystem], wenn Benutzer interaktiv die Kontrolle über dynamische Verbindungen zwischen Informationsteilen übernehmen können. Der Unterschied zwischen Multimedia und Hypermedia ist genauso groß wie der Unterschied zwischen der Betrachtung eines Reisefilms und der Reise selbst. (1996, 12f.) Auch Norbert Lang folgt dieser Unterscheidung und bringt sie auf die schlüssige Formel: Multimedia ist nicht Hypertext, aber aus Multimedia und Hypertext wird Hypermedia. (1998, 303)
Die Unterscheidung zwischen Hypermedia und Multimedia läuft also vor allem über die Frage der Sequentialität und bestätigt damit noch einmal die Definitionsrelevanz der Nonlinearität für Hypermedia und Hypertext. Da man in der Rezeption individuell schließlich doch eine lineare Abfolge der Texte erzeugt, wird der Begriff Nonlinearität gelegentlich durch Multilinearität ersetzt. Damit wird unmissverständlicher das Novum der alternativen Realisierung von Lektüregängen durch das Textgeflecht angesprochen und zugleich die entscheidende Vorsilbe hyper (griech: mehr, über etwas hinaus) verständlich als Verweis auf einen Text, der, in seiner individuellen Kombinationsalternativität, potentiell eine Vielzahl von Texten ist.[11]
3. Evangelisten
des Hypertexts
Die
Geschichte der permutativen Dichtung die auf
Florian Cramers Website Permutationen nicht nur nachgelesen,
sondern auch an funktionsfähigen Modellen durchgespielt werden
kann erhält mit der Ankunft des Computers natürlich
neue Impulse. Der Hypertext scheint die Experimente des Aufbrechens
linearerer Erzählformen und der Auflösung der
Texthierarchie fortzuführen. Dass zu dieser Tradition auch
Autoren gehören, die weniger plakativ die Erzeugung der
Textgestalt der Kombinationsarbeit des Lesers überlassen,
weiß Robert Coover, der neben Queneau, Cortazar und Pavić
auch Laurence Sterne und James Joyce als Vorläufer nennt. Neben
dem Beleg aus der Vergangenheit gibt es einen aus der Gegenwart. The traditional novel,
schreibt Coover im gleichen Essay nicht ohne ironischen Beiton,
is perceived by its would-be executioners as the virulent
carrier of the patriarchal, colonial, canonical, proprietary,
hierarchical and authoritarian values of a past that is no longer
with us (1992). Weiter heisst es, nun durchaus ernst gemeint:
hypertext presents a radically divergent technology,
interactive and polyvocal, favoring a plurality of discourses over
definitive utterance and freeing the reader from domination by the
author.
Hinter der Anrufung der neuen Technologie steht das Konzept der aktuellen Philosophie. Im akademischen Bereich populär geworden in den späten 80er Jahren, erhielt der Hypertext auch das Theoriedesign dieser Zeit. Postmoderne und poststrukturalistische Theoretiker wie Roland Barthes,[12] Michel Foucault,[13] Jean François Lyotard,[14] Jacques Derrida,[15] Gilles Deleuze und Félix Guattari[16] werden als Bezugspersonen herangezogen und geben dem neuen Gegenstand wissenschaftliche Dignität. Jay David Bolter, dem die starken Bezüge selbst etwas unheimlich vorkommen It is sometimes uncanny how well the post-modern theorists seem to be anticipating electronic writing. (1991, 156) , sieht im Hypertext a vindication of postmodern literary theory (1992, 24). George P. Landow, dessen Buch Hypertext. The Convergence of Contemporary Critical Theory and Technology den Bezug schon programmatisch im Titel trägt, ist es eher peinlich,[17] wenn er sich zum Fazit gezwungen sieht: contemporary theory proposes and hypertext disposes; or, to be less theologically aphoristic, hypertext embodies many of the ideas and attitudes proposed by Barthes, Derrida, Foucault, and others (1997, 91).[18] Im deutschen Kontext ist es vor allem Norbert Bolz, der die Affinität des Hypertextes zur Dekonstruktion feiert (1993).
Die Rhetorik ist voller Aufbruch, und was bei Coover leicht hin gesagt ist true freedom from the tyranny of the line is perceived as only really possible now at last with the advent of hypertext, written and read on the computer (1992) , kommt anderswo im Duktus ernstzunehmender Schlussfolgerungen: The initial metaphor in hypertext is not an imperfect annunciation destined for fulfillment. Instead it is a system which is already present as a totality, but which invites the reader not to ratify its wholeness, but to deconstruct it. Die Botschaft des hypertextual medium, so Stuart Moulthrop weiter, concerns the possibility of infinite difference (1991, 129f.). Moulthrops Aussage klingt plausibel: Durch seine Vernetzung und externen Links hält der Hypertext immer auch das Andere anwesend im Eigenen und scheint Gegensätzliches nicht mehr zugunsten einer favorisierten Sichtweise auszuschließen. Jeder lineare Text arbeitet mehr oder weniger selektiv und manipulierend, wobei das Problem beginnt, wenn aus Gründen der Komposition bestimmte sekundäre Aspekte vernachlässigt oder ausgelassen und die Informationen in einer kohärenten, nachvollziehbaren, überzeugenden oder eben überredenden Art geordnet werden. Schon die Ordnung der Fakten ist Manipulation, wie Hayden White etwa für die Historiographie gezeigt hat (1990) und wie Peter Greenaway auch 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 can be seen as a narrative (1996, 227) es für alle Materialorganisation geltend macht.[19] Und wer bestimmt, was sekundäre oder primäre Aspekte sind?!
Beim Hypertext, so Landow, ist jene Komposition des linearen Printtexts nicht möglich, denn durch die Verlinkung verlieren die Texte ihre discreteness (1997, 82). Zitierte Belegstellen sind nun nicht mehr aus dem Zusammenhang gerissen in den eigenen Argumentationsgang eingebracht und schon rein mengenmäßig diesem untergeordnet , sondern durch einen Link zum Originaltext sofort zugänglich (87): The necessary contextualization and intertextuality produced by situating individual reading units within a network of easily navigable pathways weaves texts, including those by different authors and those in nonverbal media, together. One effect is to weaken and perhaps destroy any sense of textual uniqueness. (65)
Landows Argumentation setzt freilich Bedingungen voraus, die nicht jeder Hypertext erfüllt. Natürlich kann auch ein Hypertext ein Zentrum und eine Ebenenhierarchie aufweisen, die durch eine entsprechende Menüleiste jederzeit bewusst gehalten werden, und natürlich gibt es auch geschlossene Hypertexte, die keineswegs den Link ins Netz zu den zitierten Belegstellen bzw. zum impliziten Kommentar und Widerspruch anderer Texte anbieten. Aber abgesehen von solchen, im übrigen in der Forschung oft anzutreffenden Nachlässigkeiten in der Binnendifferenzierung des Phänomens Hypertext: Dass der Hypertext die Zerstörung jeglicher Texteinheit bedeutet, ist schon deswegen anzuzweifeln, weil er dies nur auf der Basis strenger Textgrenzen realisieren kann. Das Prinzip der Verlinkung beruht auf der vorausgegangenen Atomisierung so wie der Internationalismus auf dem Nationalismus.[20]
Damit die Teile variabel miteinander verbunden werden
können, müssen sie als eigenständige Einheiten
umgrenzt werden: a hypertext node, unlike a textual paragraph,
tends to be a strict unit which does not blend seamlessly with ist
neighbors (Conklin 1987); jedes Textsegment takes on a
live of its own as it becomes more selfcontained and less dependent
on what precedes or follows it in a linear succesion (Snyder
1997, 53). Landow räumt dies später selbst ein, wenn er mit
Bezug auf Terence Harpold schreibt: To state the obvious: one
cannot make connections without having things to connect.
[...] all links simultaneously both bridge and maintain
seperation (1999, 159). Landow diskutiert dies allerdings nicht im Hinblick auf die
grenzüberschreitende Funktion des Hypertexts; ebensowenig wird
deutlich, auf welche Schrift Harpolds er sich bezieht. Harpold hatte bereits 1991 den link as a signifier of
pure difference (173) bezeichnet und 1994 wiederholt:
The link is able to assume its conventional function as a
marker of the lexial intersection only insofar as it concretizes
(fixes, petrifies) the disjunktion between lexias (197).
Die Struktur der Verlinkung, so das Credo der Einwände, führt in der Konsequenz zu kleinen, in sich selbst verständlichen Texteinheiten, die statt komplexer, ausladender Gedankengänge im Grunde nur schnell und kontextunabhängig Verständliches enthalten können. Der Autor eines Hypertexts is encouraged to make discrete points and seperate them from their context, so Begemann und Conklin, die Tuman als Kronzeugen dafür zitiert, dass Hypertext die Entwicklung komplexer Ideen behindert: when youre struggeling to solve a problem, the mental effort required to seperate it into discrete thoughts, identify their types, label them, and link them can be prohibitive(260).[21] Die Atomisierung seiner Elemente lässt denn auch der dekonstruktiven Kraft des Hypertextes misstrauen: There is the danger that the hypertext could become a mass of comments and links in which no single link could gather enough force or distinctiveness to make deconstructive maneauvers. By their very multitude the links would allow individual lexias too much atomistic sufficiency. (Kolb 1994, 336) Die Hypertextstruktur scheint somit weniger der tastenden Suche nach dem Zusammenhang und der klugen Dekonstruktion dieses Zusammenhangs als der Etablierung schneller Antworten zu dienen. Die discreteness, die der Hypertext nach Landow durch seine Verlinkung verliert, wird auf einer vorgelagerten Ebene zum Produktionsprinzip erhoben; der epistemologische Skandal besteht darin, dass die allgemeine Verbrüderung aller mit allen auf dem Auseinderreissen der Familien beruht.
Auch die Rezeption von Hypertexten wird mitunter vorschnell als Werkzeug des kritischen Denkens gefeiert. Man verweist darauf, dass die Struktur der Vernetzung die konstruktivistische Perspektive gegenüber einer objektivistischen stärkt und spricht gar von einer Revolution hin zu Ironie und Skeptizismus (Aronowitz 1992, 133). Critical thinking, so Landows Argument, relies upon relating many things to one another. Since the essence of hypertext lies in its making connections, it provides an efficient means of accustoming students to making connections among materials they encounter. (1997, 225) Inwiefern dies ein Hypertext schon an sich tut und inwiefern es dazu der Erfüllung weiterer Bedingungen bedarf, ist allerdings umstritten. Während die einen vermuten, dass bereits die Klickentscheidung kritisches Bewusstsein fördere, betonen andere und diesen mag man sich eher anschließen , dass erst eine bestimmte Fragestellung bzw. die Möglichkeit, selbst an der Gestaltung des Hypertextes teilzunehmen, ein kritisches, die Relativität von Aussagen in Rechnung stellendes Bewusstsein fördert.[22]
Die Technologie des Hypertexts, so lässt sich festhalten, wird in der Folge der oben zitierten Utopien einer praktisch gewordenen Theorie mitunter recht voreilig und unkritisch in den Dienst eines neuen Evangelismus gestellt. Grundlage und Motiv bilden dabei zweifellos das Bekenntnis zu einer euphorische Grundstimmung, mit der man den Abschiedsschmerz des Poststrukturalismus hinsichtlich der verlorenen humanistischen Illusionen in eine Rhetorik der Befreiung und des Aufbruchs in eine neue Zukunft umkomponiert: Whereas terms like death, vanish, loss, and expressions of deplation and impoverishment color critical theory, the vocabulary of freedom, energy, and empowerment marks writings on hypertextuality (Landow 1997, 103).[23] Vor diesem Hintergrund hält sich auch ein doppeltes Missverständnis bis in die Gegenwart: das Missverständnis von der Offenheit des Textes und vom Tod seines Autors. Dies empfiehlt in den nächsten zwei Abschnitten eine genauere Durchsicht der theoretischen Bezugspunkte.
4.
Missverständnis 1: Offenheit des Textes
When Wolfgang Iser and Stanley Fish argue that the reader constitutes the text in the act of reading they are describing hypertext. Diese Aussage Bolters (1992, 24) steht für eine Reihe von Fehldeutungen, in denen die Möglichkeit des Lesers, den Hypertext selbst zusammenzustellen, immer wieder mit der von der Rezeptionstheorie in den 70er und 80er Jahren gestärkten Position des Lesers bei der Bedeutungsgenerierung des Textes verwechselt wird. Mit Blick auf Isers Theorie zum Leseprozess konstatiert Bolter: But what was only figuratively true in the case of print, becomes literally true in the electronic medium. The new medium reifies the metaphor of reader response, for the reader participates in the making of the text as a sequence of words. Even if the author has written all the words, the reader musst call them up and determine the order of presentation by the choices made or the commands issued. There is no single univocal text apart from the reader; the author writes a set of potential texts, from which the reader chooses. (1991, 158) Man hätte den Fehler eigentlich bemerken müssen, denn bei Iser geht es, wie Bolter selbst referiert, hinsichtlich der Wörter um des Lesers own imagination (157), bei Bolter wird daraus die order of presentation. Der Hypertext wird in der üblichen Verkörperungs-Logik als Verwirklichung einer theoretischen Antizipation gesehen, während er im Grunde doch deren Negation darstellt.
Basisargument ist zumeist Isers Begriff der Leerstelle als Metapher für eine Hemmung im Fluss der Sätze, für eine Störung der Anschließbarkeit aufeinanderfolgender Textsegmente (Iser 1988, 258f.) , die man im Link des Hypertextes Gestalt annehmen sieht. Wie Anja Rau richtig einwendet, zielt Isers Leerstellenmetapher jedoch nicht auf die physische Aktivität des Lesers, sondern auf eine mentale (2000, 189). Im gleichen Sinne unterscheiden Manuela Kocher und Michael Böhler zwischen dem virtuellen Vorgang im Bewusstsein des Lesers beim Besetzen der Leerstelle sowie der realen Aktion im Klick auf den Link (2001, 96) und bezeichnen die Lektüre eines Hypertextes als Transformation des literarischen Theaters aus dem Innenraum mentaler Prozesse in den äußeren Interaktionsraum sensoriell-motorischer Wahrnehmungs- und Selektionshandlungen (87).
Damit ist die offensichtliche Differenz benannt, auf deren Grundlage die Analogie nun aber weiterhin aufrecht erhalten werden könnte. Die Unterscheidung zwischen virtuell und real ist nicht nur auf die verschiedenen Präsentationsebenen von Leerstelle und Link anzuwenden, sondern auch auf deren Existenzform. Die mentale Aktivität der Leerstellenbesetzung wird von Rau zwar als eine vom Text bzw. Autor ausgelöste verstanden (192), ihren Anlass, so ist hinzufügen, hat sie aber im Leser selbst. Insofern Anschließbarkeitsstörungen eine Erfahrung des Lesers und als solche im Sinne des Konstruktivismus von dessem kognitiven System abhängig sind, ist die Leerstelle nicht als unabhängiges Ereignis des Textes, sondern als von Leser zu Leser verschiedenes Phänomen des in der Rezeption erstellten Kommunikats zu verstehen. Auch in diesem Sinne also ist die Leerstelle als virtuell anzusehen. Demgegenüber ist der Link, der nicht erst vom Leser als solcher erkannt oder empfunden werden muss, immer real. Die Frage des Anschlusses existiert beim Hypertext objektiv, sie resultiert nicht aus dem Rezeptionsprozess, sondern ist diesem vorgelagert und aufgesetzt.
Die Externalisierung des hermeneutischen Prozesses, wie Kocher und Böhler die Transformation aus dem Innen- in den Außenraum des Textes bezeichnen (87),[24] hat Konsequenzen für die Lektüre, die eher Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen dem rezeptionstheoretischen und dem hypertexttheoretischen Lektüreverständnis aufzeigen. Denn das Zentrum dieses Prozesses verschiebt sich dadurch nicht, wie oft deklariert, zum Leser, sondern im Gegenteil zum Autor. Wie gleich auszuführen sein wird, ist die Interaktion des Lesers mit dem Text im Zuge der individuellen Navigation durch diesen kein wirklicher Gewinn an Freiheit. Schon gar nicht kann dieses Verhältnis zum Text pauschal als aktive Lektüre gegen die Lektüre linearer Texte als passiv ausgespielt werden. Eine solche immer wieder anzutreffende Perspektive (Bolter 1991, 155; Snyder 1997, 72) überschätzt zum einen den Akt der Navigationsentscheidung und fällt zum anderen hinter die Aussagen der hofierten Rezeptionstheorie über die Position des Lesers gegenüber dem klassischen linearen Text zurück. Es bleibt festzuhalten, dass dem Text Bedeutung geben ihn interpretieren und dem Text Gestalt geben ihn zusammenstellen zwei prinzipiell verschiedene Vorgänge sind; so wie Offenheit des Textes nicht gleich Offenheit des Textes ist, womit wir bei einer weiteren Metapher sind, die in der Hypertext-Debatte hoch im Kurs steht.
In diesem Falle ist Umberto Ecos Buch vom offenen Kunstwerk Stichwortgeber. Ähnlich wie Iser betont Eco die relative Freiheit des Lesers bei der Erstellung der Textbedeutung und ähnlich wie Iser grenzt er sich zugleich gegen Positionen des Dekonstruktivismus und des Radikalen Konstruktivismus ab, die den Text völlig entmachten und Textwahrnehmung als endlos autobiographische Tätigkeit bestimmen (Scheffer 1992, 178).[25] Diese moderate Position eignet sich für die Diskussion der Lektüre von Hypertext, der durch das vorgegebene Angebot an Links ja ebenfalls eine bestimmte Macht gegenüber dem Leser einbehält. Dennoch ist auch hier die Übertragung problematisch. Eco zählt zwar unter dem Begriff offenes Kunstwerk zunächst Beispiele aus der Musik auf, die erst im Prozess ihrer Aufführung durch vorzunehmende Kombinationen vollendet werden,[26] aber er nennt diese Werke auch in einem weit weniger metaphorischen und viel greifbareren Sinne »offen« [...] sie sind, um es einfacher auszudrücken, »nicht fertige« Werke, die der Künstler dem Interpreten mehr oder weniger wie die Teile eines Zusammensetzspiels in die Hand gibt, scheinbar uninteressiert, was dabei herauskommen wird. (30f.) Als Beispiel eines offenen Kunstwerks par excellence zitiert Eco aber Kafkas Schloss (37), ein sehr lineares, abgeschlossenes Werk, dessen ganze Offenheit in der Vieldeutigkeit seiner unverrückbaren Zeichen liegt. Man kann in diesem Falle von einer konnotativen Offenheit sprechen, während im anderen eine kombinatorische Offenheit vorliegt.
Die Rede von der Offenheit zielt auf die Interpretationsvielfalt eines Werkes. Wie Eco erinnert, bedarf es dazu keineswegs der Kombinationsvielfalt des Hypertexts. Die kombinatorische Offenheit ist keine Vollendung der konnotativen, wie es Bolters Kommentar erscheinen lässt, sie ist zunächst einmal deren Spiegelung auf der Oberflächenebene. Landow weiß durchaus um den Unterschied, wenn er zwischen implizitem und explizitem Hypertext als mitschwingender bzw. markierter Intertextualität unterscheidet (1997, 35). Allerdings geht diese Differenzierung in der Diskussion wieder verloren, wenn die explizite Intertextualität als natürliches Erbe der impliziten deklariert wird. Die Frage lautet, ob die kombinatorische Offenheit der konnotativen Offenheit zu- oder abträglich ist.
Man möchte spontan annehmen, dass die kombinatorische Offenheit sich der konnotativen, die innerhalb der Textsegmente natürlich weiterhin bestehen kann, hinzugesellt.[27] Zudem lässt sich argumentieren, dass die kombinatorische Offenheit der konnotativen einen neuen Gegenstand liefert, nämlich den Link, der selbst Text im Sinne einer deutbaren Aussage darstellt. Auch wenn der Link durch Erklärungen deutlich adressiert ist, handelt es sich zumeist immer um ein Und, das sich erst im Nachhinein als kausale, temporale, additive oder adversative Konjunktion konkretisieren lässt (Wenz 2001, 47).[28] Durch die Nonverbalität und die Abhängigkeit der Konkretisation von der Interpretation der jeweils verbundenen Segmente bleibt der Link der Ausdeutung offen. Dass die Leser andererseits hier oft nicht zuviel an verstecktem Sinne erwarten dürfen, ist ein bekanntes, aber anderes Problem.
Ein
Problem ist auch, dass die Verlinkung klar abgegrenzte Texteinheiten
voraussetzt, die wegen der Navigationsalternativen nicht davon
ausgehen können, dass ihre Bedeutung sich im weiteren Textumfeld
entfaltet. Infofern damit, wie bereits angemerkt, eine klare,
eindeutige Sprache favorisiert wird, ist die kombinatorische
Offenheit der konnotativen freilich abträglich. Diese leidet
darüber hinaus auch deswegen unter jener, weil es keine
zweite Lektüre gibt, bei der man den Text plötzlich
mit ganz anderen Augen liest. Es gibt wenn nicht
Navigationsprotokolle angelegt und im Zweitdurchgang nochmals
durchgespielt werden immer nur die Erstlektüre, da ja
durch eine andere Navigation immer ein neuer Text aktualisiert wird:
In print narratives, it is the readers experience of the
text which shifts to foster fresh interpretations. With
interactive texts, it is the narrative itself which shifts from one
reading to the next (Douglas 1993, 22) Each
reading is a different turning within a universe of paths
(Bolter 1991, 124f.).
Ein weiteres Problem ist die bevormundete Assoziation. Auch dazu wieder Landow: Hypertext linking simply allows one to speed up the usual process of making connections while providing a means of graphing such transactions. (1997, 81) Was Landow hier begrüßt, kann man ebenso bedauern. Es ist nämlich nicht der usual process, der durch die Links beschleunigt wird, sondern die Überlagerung des einen Prozesses durch einen anderen. Peter Whalley erhob schon 1990 den Einwand: It could even be argued that the simple pointer and hierarchical structures provided in hypertext are semantically more limiting than the implicit relationships created in conventional materials (64). Mit gleicher Stoßrichtung wendet Kolb gegen Landows Berufung auf Derrida ein, dass dessen Dekonstruktivismus ohne typographical gymnastics auskomme (1994, 335), und hält für den Hypertext fest: Links lack the contingent fecundity of immediate juxtaposition and the selfreferentiality of clever textual turns. The links do not necessarily bring off the fragile slippage of a signification that denies its own attempted closure. (335f.)
Dem ist hinzuzusetzen, dass in linearen Texten sowohl die vom Autor bewusst gesetzten wie die darüber hinaus vorfindbaren Verbindungen subjektzentriert erstellt werden und in ihrer Realisierung letztlich aus der Lektüre-, Denk- und Lebensgeschichte des Lesers resultieren. Und da denkt der eine beim Wort Gespenst eben an die Gothic Novel oder B-Movies, ein anderer an Oscar Wilde, ein dritter an das Kommunistische Manifest. Beim Hypertext jedoch werden diese Verbindungen als Links vom Autor realisiert und schließen, so zahlreich auch immer sie sein mögen, eine Menge an virtuellen Assoziationen aus. Wenn Bolter im Hinblick auf die im Hypertext per Link explizit gemachten Verbindungen schreibt: the computer takes the mystery out of intertextuality and makes it instead a welldefined process of interconnections (1991, 203), dann ist dieser Umstand gerade aus der Befreiungs-Perspektive zu bedauern, denn mystery steht ja im Grunde für das Leser-Subjekt und dessem Mitschreiben bei der Lektüre des Textes, während der klar definierte Prozess der Verbindungen den gestiegenen Einfluss des Autors anzeigt, dessen Verschwinden man eben noch gefeiert hatte.
Natürlich, kann man einwenden, besteht die Möglichkeit der individuellen Assoziation weiterhin, und so mag jeder weiterhin an die Gespenster denken, die ihm am nächsten liegen. Aber man muss sich im klaren darüber sein, dass der Hypertext eine Hierachie der Assoziationen aufbaut, in der die vom Autor real gesetzten Bezüge eine stärkere Präsenz genießen als die vom Leser virtuell erstellten. Und da man auf diese nicht klicken kann und da der Link lauter ruft als die innere Stimme, beherrscht die durch den Autor programmierte Intertextualität Text und Rezeption. Der Text schließt sich nach außen ab, indem er zu jeder Lücke schon einen abrufbaren Textblock bereithält (Rau, 201) die Annotationen des Autors überschreiben die Konnotationen des Lesers (Matussek, 275). So wird die ästhetisch vorangetriebene Offenheit moderner bzw. postmoderner Texte im Hypertext zur zweiten Natur trivialisiert (Wenz 1997, 253). Im Grunde ist jene Konstellation des konsumierenden Lesers gestärkt, von der man sich, mit Berufung auf Barthes, absetzen wollte. Die behauptete Verkörperung der postmodernen Theorien ist, wie Eckhard Schumacher in seiner Replik auf die explizite Intertextualität des Hypertextes etwas fachterminologisch, aber völlig richtig festhält, eine Abschlussbewegung, die ihr Ziel offenbar darin sieht, [ ], die Dissemination der Konnotation in die Ordnung der Denotation zu überführen. (129) Damit sind wir beim Missverständnis Nummer zwei: der verschwundene oder gar tote Autor.
Als Barthes 1968 den Tod des Autor ausrief, manifestierte sich darin der zeitgenössische Perspektivenwechsel innerhalb diskurstheoretischer Überlegungen zur Souveränität des Subjekts. Die Auffassung vom Autor als kreatives, souveränes, sich selbst durchschauendes Subjekt wich der Vorstellung vom Menschen als Ensemble von Strukturen, wie es Michel Foucault formulierte (Foucault/Caruso 1991, 14), bzw., wie es bei seinem Lehrer Karl Marx heisst, als Ensemble seiner gesellschaftlichen Verhältnisse (Marx/Engels 1983, 6). Im Anschluss an die Das-Sein-bestimmt-das-Bewusstsein-Formel des Materialismus wurde der Autor fern aller idealistischen Souveränitätsillusion nicht mehr als Subjekt freier Rede, sondern als Objekt verschiedener Diskurse gesehen, das weniger spricht, als durch jene gesprochen wird ...it is language which speak, not the author (Barthes 1977, 143). Foucault deklarierte deswegen 1969 nur in der Formulierung etwas weniger drastisch als Barthes ein Jahr zuvor das Verschwinden des Autors: der Autor ist genau genommen weder der Eigentümer seiner Texte, noch ist er verantwortlich dafür; er ist weder ihr Produzent noch ihr Erfinder (1988, 7). Aber auch ein verschwundener oder toter Autor hat noch einen Namen, und dieser Name bezeichnet eben jenes spezifische Ensemble, jene einmalige Mischung aus Einflüssen, die das Gefäß Mensch darstellt. Der Autor stirbt zwar als Souverän seines Textes, nicht aber als dessen äußere, benennbare Instanz.[29]
Die Hypertext-Theoretiker haben Anfang der 90er Jahre diese Demontage der Autoritität im Hinblick auf den Inhalt des Textes kurzerhand auf die Demontage der Autorität im Hinblick auf dessen Gestalt ausgedehnt. So referiert Landow im Anschluss an Barthes Bezeichnung des Autors als plurality of other texts, of codes which are infinite und im Anschluss an Lyotards Beschreibung des Selbst als nodal points of specific communication circuits[30] die Demontage der Autor-Idee zwar im oben beschriebenen Sinne, gelangt in diesem Prozess aber fast unbemerkt zu einer ganz anderen Akzentuierung: The problem for anyone who yearns to retain older conceptions of authorship or the author function lies in the fact that radical changes in textuality produce radical changes in the author figure derived from that textuality. Lack of textual autonomy, like lack of textual centeredness, immediately reverberates through conceptions of authorship as well. (1997, 92) Hier wird die Demontage der Autorschaft vom Argument der reflexiv nicht einholbaren Verfangenheit des Subjekts im Ensemble aufgenommener Texte insgeheim umgestellt auf das Argument, der Autor besitze nicht mehr die volle Verfügungsgewalt über den von ihm produzierten Text.[31]
Noch deutlicher wird die Umdeutung der Todes-Metapher in einer Schrift von 1999, wo Landow nunmehr doch das Überleben einer schreibenden Instanz einräumt und festhält: So it is, perhaps, not the absence of someone writing, contributing, or changing a text that we encounter, but rather the absence of someone with full control or ownership of any particular text. We find no one, in other words, who can enforce the desire: »Leave my text alone!« Linking, the electronic, virtual connection between and among lexias, changes relations and status. (156) Im Anschluss an die zitierte Passage folgt der in der gleichen Argumentationslinie liegende Hinweis auf another adjustement or reallocation of power from author to reader, das durch die Möglichkeit des Lesers, to add links, lexias, or both to texts that he or she reads, gegeben sei. Kein Wort mehr vom inneren Hoheitsverlust über den eigenen Text, nur noch von äußeren Besitzverhältnissen.
Auch Bolter argumentiert in diesem Sinne: The text is not simply an expression of the authors emotions, for the reader helps to make the text (1991, 153). Hier erfolgt die Umdeutung innerhalb eines einzigen Satzes, dessen erster Teil durchaus im Einklag mit dem Poststrukturalismus steht, in dessem Sinne dann aber denn der Autor ist selbst ein Text aus Texten weiterlauten müsste, statt den Leser als Kontrapart einzuführen. In einer Anschlusspassage übergeht Bolter dann sogar die durch die Rezeptionstheorie vorgenommene Stärkung der Rolle des Lesers gegenüber Autor und (gedrucktem, linearem) Text und sieht Rettung nun nur an der sonst so freundschaftlich umarmten Rezeptionstheorie vorbei im Modell des Hypertexts: One Romantic view is that the poets are talking to themselves and that we as readers are eavesdropping. But in the electronic writing space the reader is no eavesdropper; he or she is a necessary element in the conversation. / The reader may well become the authors adversary, seeking to make the text over in a direction that the author did not anticipate. (154)
Der von Landow und Bolter betonte Kontrollverlust des Autors über seinen Text entspricht zwar durchaus den Tatsachen (zur fortbestehenden, sogar gewachsenen Kontrollmacht des Autors vgl. unten Abschnitt 8), der Bezug auf Barthes und Foucault stimmt in dieser Perspektive jedoch nicht mehr. Die Differenz wurde freilich wieder damit erklärt, dass die Theorie in der Praxis des Hypertextes konkret wird und erst dort ihre eigentliche Vollendung findet. Aber indem ein kompliziertes Verfahren der Entmachtung des Subjekts tief unter der Oberfläche des Diskurses in die sichtbare Entmachtung auf der Oberfläche transformiert wird, wird es nicht konkretisiert, sondern banalisiert. Die Intention des Poststrukturalismus und der Diskurstheorie war, den Akzent auf die schwer durchschaubaren Strukturen und Diskurse zu legen, unter deren Einfluss Menschen denken und handeln. Es ging, wie es Foucault am Beispiel der Macht beschrieb, darum, sich von der juridischen Repräsentation der Macht zu lösen, von der Matrix einer globalen Zweiteilung, die Beherrscher und Beherrschte einander entgegensetzt (1991a, 115). Es ging darum, den Sex ohne das Gesetz und die Macht ohne den König zu denken (112).[32] Die Hypertexttheorie zumindest die diskutierte amerikanische, der Markku Eskelinen mit sichtlicher Freude an Überspitzung pauschal average conceptual weakness attestiert (Eskelinen/Koskimaa 2001) fällt hinter diesen Diskussionsstand zurück, indem sie alles erneut an Personen und separierbaren äußeren Erscheinungen festmacht: Autorität geht nicht an den Diskurs verloren, sondern an den Leser als Gegenspieler; Offenheit meint nicht primär semantische Ambiguität, sondern Kombinationsvielfalt; Intertextualität besteht nicht virtuell, sondern manifestiert sich in anklickbaren Links. Die Hypertexttheorie ist in großen Teilen nicht die Weiterführung der poststrukturalistischen Theorie, sondern Verrat an dieser.
Das ausdauernde Augenmerk auf die misunderstandings in the early but still influential hypertext theory (Raine Koskimaa in: Eskelinen/Koskimaa 2001) war notwendig, weil die aus den Missvertständnissen resultierende Befreiungs-Rhetorik oft mit der Illusion einhergeht, der Kampf sei gewonnen, wenn der Autor als Person besiegt ist. Man sollte allerdings nicht übersehen, dass die Absetzung des Autors als Aussage-Instanz auch zum Verlust kritischer Positionsnahme führen kann und dass die Vernetzung verschiedener Äußerungen an sich noch kein Ausweis kritisch-reflektierten Denkens ist. Wie oben vermerkt erfordert die Technologie des Hypertexts, komplexe Gedankengänge auf leicht verständliche Einheiten aufzuteilen und klare, verlinkbare Aussagen zu treffen. Dass die Stichwortlogik des Hypertexts weniger zu dialektischem Denken als zu kontrastierenden Behauptungen führt, vermutet Myron C. Tuman nicht zuletzt anhand des Hypertext-Essays E-Literacy von Nancy Kaplan (1995), in dem seine ambivalente Position zur Zukunft der Literacy (Tuman 1992b) innerhalb eines Progressiv-Konservativ-Paradigmas abgehandelt wird. hypertextual linking may actually encourage the simplistic, oppositional thinking of TV-talk shows, vermutet Tuman (1995) und betont weiter, dass das kritische Denken selbst unhintergehbar in Oppositionsmodellen verfangen ist und dass man diesem Problem nicht notwendigerweise mit einer neuen Technologie entkommt.
Die durch den Hypertext vermittelte Kulturtechnik des oberflächlichen, ungeduldigen Lesens Florian Rötzer spricht diesbezüglich gar vom Verlust der Denkkultur (1998, 19) , riskiert, so lässt sich argumentieren, vielmehr den Verlust der hermeneutic tradition of interpretation (Tuman 1992b, 62) zugunsten einer eiligen Informationsgewinnung, die selbst wiederum oft willkürlich, zufällig und unkritisch zwischen den Angeboten auswählt. Es ist Augenwischerei, wenn man sich frei von autoritärer Manipulation fühlt, weil man zwischen Texten verschiedener Autoren hin und her switchen kann. Dieses Switchen, das sei außerdem angemerkt, ist vor dem Hintergrund der Spass- und Erlebnisgesellschaft auch keine Haltung des Widerstandes mehr, sondern passt recht gut zum Lob der Oberfläche und des richtungslosen Aktionismus innerhalb einer Kultur, die die anstrengende Lektüre und das kritische Urteil selbst nicht mehr trainiert.[33]
Der Verlust einer fassbaren Autorinstanz bedeutet noch nicht Demokratisierung der Kommunikation, wie man weiß, wenn man die diskurstheoretische Macht oder Manipulation nicht allein in personalisierter Form denkt. Gerade das Bewusstsein um die Macht und Autopoiese der Strukturen verdeutlicht die Notwendigkeit kritischer, personalisierter Stellungnahmen gegen diese Strukturen. Das Problem, dass Stellungnahmen immer auch innerhalb von Strukturen erfolgen und mehr oder weniger weder deren Bedingungen noch der oben angesprochenen Oppositionslogik entkommen, löst man nicht durch eine Technologie der Entautorisierung und multiplen Relationen, sondern durch eine entsprechende Sensibilisierung für die Relativität aller Aussagen. Dass Ironie und Skeptizismus eine zwangsläufige Folge der Hypertext-Technologie sind, wie Aronowitz suggeriert, ist keineswegs sicher. Das Modell der unendlichen Verlinkung kann auch zu einer beherzten Beliebigkeit führen. When the only tool you have is a hammer, so zitiert Tuman aus Burnhams The Rise of the Computer State (1983), everything begins to look like a nail. (Tuman 1992b, 69) Die griffige Metapher ist Anlass für einen Link zu einem anderen Zitat, das das gleiche gegensätzlich veranschaulicht: In anderen Worten, so Marc Poster über den Einfluss des Internet auf seine Benutzer, ist das Internet weniger eine Sache als ein gesellschaftlicher Raum, weshalb seine Eigenschaften eher denen Deutschlands als denen eines Hammers ähneln. Deutschland macht die dort lebenden Menschen zu Deutschen (zumindest die meisten); ein Hammer macht jedoch Menschen nicht zu Hämmern [ ], sondern treibt Metallstifte in Holz. (1997, 161)
Wenn also unsere Heimat Internet uns v.a. auf die Kulturtechnik des Hämmerns einschwört, ist das noch keine Garantie für den Siegeszug der Ironie. Das Modell der unendlichen Verlinkung kann Komplexität und Relativität von Wahrnehmung und Positionsnahme vor Augen führen, durch die Rhetorik der kleinen Einheiten kann es aber auch das Denken versimplifizieren im Sinne jenes gesunden Menschenverstandes, in dem Richard Rorty gerade das Gegenteil von Ironie ausmacht: Denn er ist die Parole derer, die alles Wichtige unbefangen in Begriffen des abschließenden Vokabulars beschreiben, das sie und ihre Umgebung gewohnt sind. (1992, 128) Das philosophisch-moralische Modell des liberalen Ironikers, wie es Rorty im Anschluß an seine Erkenntniskritik entwickelt, einer Ironikerin, die vom Bewusstsein der Kontingenz und Hinfälligkeit ihrer abschließenden Vokabulare, also ihres eigenen Selbst, getragen ist (128), entwickelt sich, so ist zu fürchten, so wenig allein aus einer Technologie, wie die Demontage der alten Lehrerautorität schon die Befreiung des Denkens bedeutet.[34] Links können durchaus ironisch sein sie können aber auch ins dichotomische Denken zurückführen, vor allem aber können sie statt im Zeichen der Ironisierung im Zeichen der Karnevalisierung stehen.
Die Praxis der Lektüre des Hypertextes konfrontiert den Leser zunächst mit einem Taumel der Möglichkeiten (Wirth 1997, 319), in dem er nicht nur entscheiden muss, welchem Link er folgen will, sondern auch, ob dies gleich geschehen soll oder erst nach der Kenntnisnahme des vorliegenden Lauftextes. Der zur Entscheidung, zur Aktivität gezwungene Leser hat dabei oft nur wenige Anhaltspunkte für die vorzunehmende Navigation. Es gibt zwar eine Routine der Vermutung so führt der Link auf einer Person zumeist zu biographischen Angaben und auch die in der Taskbar angezeigte Zieladresse des Link mag von einiger Hilfe sein, generell weiß man aber kaum, wohin ein Link führen wird. Dieser Umstand der eher aggregativen als integrativen Verknüpfung der Textsegmente bringt jenes Phänomen hervor, das Uwe Wirth als abduktives Lesen beschrieben hat: Der Leser von Hypertexten übernimmt die Rolle eines abduzierenden Detektivs, der die Spuren des Hypertextes liest, den Links folgt und einen plausiblen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Textfragmenten herstellt. (1997, 329)
Dass der Leser dabei schnell die Lust und den Glauben in die Rationalität der Verlinkung verlieren kann, zeigen jene Beispiele, die vom Würstchen in fünf Schritten zu Plato führen: Man stellt sprunghafte Kontiguitäts- und Assoziationsbeziehungen her und gelangt so vom Würstchen zu Schwein, von Schweinzu Borste, vom Borste zu Pinsel, von Pinsel zu Manierismus, von Manierismus zu Idee und von dort zu Plato. (329) Ohne ein limitierendes Relevanzkriterium, so Wirths Mahnung, führt die Freiheit, den rhizomatischen Raum, d.h. den Raum der Mutmaßung, auszuschreiten, in die »semantische Orientierungslosigkeit«, mithin zu einer beliebigen Ordnung der Dinge und zur universellen Anschließbarkeit von allem mit jedem. [ ] Das Prinzip der universellen Anschließbarkeit karnevalisiert alle pragmatischen Relevanzsysteme. Es stellt willkürliche Kohärenzbeziehungen her und verwischt die Grenze zwischen relevanten und irrelevanten Aspekten. (329)[35]
Wirth hält fest, dass das in der Verlinkung bewahrte Ausmaß an Kohärenz bestimmt, inwiefern dem Leser die Rolle als sinnsuchender Detektiv oder als surfender Dandy abverlangt wird (335), und optiert für eine Integration des assoziativen, hypertextuellen Lesens in den Prozess des abduktiven Hypothesenaufstellens: Als guter Leser-Detektiv wird er [der Leser] seine abduktive Kompetenz als geistigen Kompass im rhizomatischen Labyrinth des Diskurses nutzen. Doch er muss auch seine abduktive Kompetenz, welche immer schon auf vor-ausgelegte Relevanzstrukturen und Kohärenzkriterien zurückgreift, ironisch reflektieren können, ja sie womöglich auf den Kopf stellen.(336) Der ironische Blick auf die Relevanzstrukturen und Kohärenzkriterien, mit denen man an den Text tritt, führt uns einerseits wieder zu Rortys liberalen Ironikern, andererseits zu Juri M. Lotmans Beschreibung des Leküreprozesses als Kampf zwischen dem Eigenen und dem Fremden Die Rezeption eines künstlerischen Textes ist immer ein Kampf zwischen dem Zuhörer und dem Autor (1986, 407) , anders gesagt, zwischen der Appellstruktur des Textes und der Interessenstruktur des Lesers. Die paradoxe Ethik dieses Rezeptionsmodells eines gemäßigten Konstruktivismus: Der Leser gewinnt, wenn er verliert, denn nur wenn er die Wirklichkeitsmodellierung des Autors zulässt, kann er sein eigenes Wirklichkeitsmodell modifizieren und erweitern. Dieser Kampf ist freilich kein Spezifikum des Hypertextes, erfährt dort aber einen besonderen Ausgang. Wo der Tod des Autors gilt, fehlt dem Leser der Gegner; und dies trifft in erster Linie für jenen Tod zu, wie er in der Hypertexttheorie zumeist verstanden wird: Der Tod des Autors als Ordnungsprinzip des Textes.
Die Karnevalisierung, die Wirth anspricht, resultiert zum einen daraus, dass dieser Tod gar nicht vorliegt, zum anderen daraus, dass er es doch tut. Im ersten Falle, auf den wir gleich näher zu sprechen kommen, drückt sich die Präsenz des Autors in der Linksetzung aus, für deren Kohärenz oder Nichtkohärenz er dann auch verantwortlich ist. Der zweite Fall liegt vor, wenn man einem externen Link, der in der Verantwortung des Autors liegt, folgt und dann auch auf der neuen Website einen externen Link, der in der Verantwortung eines anderen Autors liegt, anwählt. Bringen wir Wirths aus Umberto Ecos Roman Das Foucaultsche Pendel geborgtes Beispiel der Plato-Wurst-Beziehung ins Internet, ist klar, dass das Kohärenzkriterium von Link zu Link durchaus besteht der Link von Würstchen zu Schwein liegt so nahe wie der von Idee zu Plato und dass sich nur in der Abfolge dieser Links der karnevaleske Aspekt einstellt. Die Karnevalsierung ist in diesem Fall ein Phänomen externer Vernetzung, die den Leser einen Text zusammenstellen lässt, der verschiedene Autoren bzw. Autor-Instanzen hat. Hier muss sich der Leser als abduzierender Detektiv auf die Kohärenzkriterien immer wieder neuer Autoren einlassen, ohne wirklich Zeit zu haben, deren Psychologie zu erkunden und dem Vorgefundenen die eigene Wirklichkeitsmodellierung entgegenzusetzen. Je mehr er mit dem Hammer um sich schlägt, desto aussichtsloser ist der Kampf, den er weder gewinnen noch verlieren kann.
Fall eins die Verantwortlichkeit des Autors für die Linksetzung liegt freilich auch in gedruckten bzw. linearen Texten vor, wo es gilt, die Anschließbarkeit von Satz zu Satz, von Absatz zu Absatz zu garantieren. Im geschlossenen Hypertext eines Autors oder einer Autorengruppe wächst das Problem dieser Aufgabe allerdings mit den Möglichkeiten der Verlinkung; dies führt tendenziell dazu, dass der Autor verantwortlich für die Linksetzung ist und doch keine Verantwortung für die Linkstruktur übernehmen kann. Da die Möglichkeiten der Verlinkung exponentiell zunehmen, kann bei entsprechender Komplexität nicht mehr davon ausgegangen werden, dass der Autor alle Navigationsmöglichkeiten des Textes auf Relevanzstrukturen und Kohärenzkriterien geprüft hat. Er kann immer nur den Link selbst prüfen, nicht aber, wie er sich in der Vor- und Nachgeschichte seiner Aktivierung ausnimmt, denn diese Geschichte besteht aus all den Kombinationsmöglichkeiten, die sich bisher ergeben haben bzw. noch ergeben werden. Da der Kontext das Verständnis der vorliegenden Zeichen bestimmt, ist der Autor nicht in der Lage, die vom Leser zu erwartende Bedeutungszuschreibung sicher zu kalkulieren und sein Wirklichkeitsmodell gegen das des Lesers aufzubauen. Der Autor, so das abzuleitende Paradox, kennt seinen Text nicht der Leser kämpft mit sich allein.
Wenn das Bezugsnetz des Hypertextes in seinen exponentiell wachsenden Realisierungsmöglichkeiten die Kenntnis des Autors übersteigt, so ist es andererseits auch nicht ein Produkt des Lesers. Dessen attentionale Zuwendung zum Text (Iser 1994, 164) wird bei der klassischen Lektüre zwar durch den Autor zu beeinflussen versucht, erfolgt letztlich aber doch abhängig von der individuellen Wahrnehmungs- und Denkdisposition, die somit ein subjektives Netz des Textes bzw. Kommunikats erstellt. Im Hypertext ist die attentionale Zuwendung durch Links markiert und somit unvermeidlich. Die Möglichkeiten der Verzweigung innerhalb des Netzes sind durch den Autor nicht nur angelegt, sondern festgeschrieben; ohne jedoch im einzelnen durchgespielt worden zu sein. Paradox Nummer zwei: Der Autor kennt zwar das angelegte Netz nicht, regiert es aber gleichwohl.
Angesichts
dieser produktionsästhetischen Unzuverlässigkeit stellt
sich freilich die Frage, inwiefern das rezeptionsästhetische
Entscheidungsdilemma im Taumel der
Möglichkeiten (Wirth) nur ein eingebildetes ist, dem auf
der anderen Seite gar kein Abruf einer Entscheidung voranging. Wie
dem auch sei, es bleibt die Tatsache, dass jeder Link, wie Suter es formuliert (Suter 2000,
144), den Leser zunächst vor die Option
von Ausstieg oder Aufschub stellt und somit zur
Entscheidung zwingt, den laufenden Text sofort zu verlassen oder
zunächst an sein Ende zu lesen. Wenn Landow von rhetoric
of departure und rhetoric of arrival spricht (1997, 12), so wäre das Duo um die Rhetorik des
Aufschubs zu ergänzen, denn es ist mit Markus
Krajewski (1997, 67) wohl davon auszugehen, dass die meisten Leser im
Modell einer ignorierenden Lektüre die angebotenen Links
zunächst übergehen und sich diesen erst nach der
Kenntnisnahme des vorliegenden Textes zuwenden.
Was auch immer man tut, das Mögliche bleibt hinter dem Realisierten erkennbar mit einer zentrifugalen Kraft, selbst oder gerade wenn es ausgeschlagen wurde: Once the choice is made, the reader may regret her decision and be haunted with the »could have been« (Ryan 2000b). Die nichtgewählte Option ist gewiss ein Stachel, der zu jeder Lektüre eines Hypertextes gehört. Wie schmerzhaft aber ist der Stich tatsächlich, wenn die andere Entscheidung durch die über den Browser getätigte oder im Text angelegte Rückkehr jederzeit nachgeholt werden kann? In diesem Falle geht kein Text verloren, es variiert nur die Reihenfolge der Textsegmente, deren spezifische Bedeutung aber bezweifelt werden muss.
Diskutiert man die Frage im Hinblick auf den offenen Hypertext im Internet Fall zwei in der oben gemachten Unterscheidung , existiert die Möglichkeit des Auslesens durch Rückkehr freilich nicht, da die Links potentiell zu allen Sites des Netzes führen. Diskutiert man die Frage im Hinblick auf den geschlossenen Hypertext ohne externe Links, stellt sich die Sache noch einmal anders dar. Denn dann bedeutet Aufschieben zumeist nicht Aufheben, sondern tatsächlich nur Aufschub, bis man innerhalb des Textgeflechts auf den ausgeschlagenen Node zurückgeführt wird. Diese entscheidende Differenzierung zwischen offenem und geschlossenem Hypertext wird in der Diskussion von Hypertexten nicht immer vorgenommen, was dann leicht dazu führt, dass richtige Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Lektüre des einen ohne weitere Prüfung auf die Lektüre des anderen Modells angewandt werden. Die Lektüre des geschlossenen Hypertextes bedeutet weder Ausstieg aus dem vorliegenden Textzusammenhang noch Begegnung mit einer unbestimmten Autorschaft; ihr wesentlicher Aspekt ist nicht die Entscheidung für oder gegen einen Link, sondern die Frage, ob die Kombination der Nodes schließlich einen Unterschied für die dem Gesamttext letztlich zugeschriebene Bedeutung erzeugt. Wir kommen darauf zurück in Abschnitt 10. Zunächst ist einer anderen Differenzierung zu folgen, und zwar der zwischen einer Database zu Sachthemen und einem literarischen Hypertext. Bei letzterem geht es nicht um Informationsgewinn und Informationsdemokratie, sondern um das Erzählen einer Geschichte im multilinearen Stil. Hier stellt sich die Frage also unter dem Vorzeichen der Ästhetik.
7.
Kombinatorik und Spiele des Zufalls
Wenn Terence Harpold festhält: Writing or reading the threads, moving along the weave of the hypertextual fabric, subjects the writer and the reader to the individual and cumulative effects of the dislokations at each detour in the tapestry (1991, 173f.), dann ist das berühmt-berüchtigte lost in cyberspace unter ästhetischer Perspektive gewiss anders zu behandeln als unter informationsorganisatorischer. Was im Rahmen der Informationsgewinnung als Problem gesehen und durch entsprechende Orientierungshilfen von Navigationserleichterungen im Design über Bookmarks bis zur History-Funktion des Browsers behoben werden kann, ist im Rahmen künstlerischer Gestaltung möglicherweise intendierter Effekt.
Man kann mit Georg Simmels soziologischer Ästhetik argumentieren, die das asymmetrische Modell als das der liberalen Gesellschaft über das symmetrische der Ordnung als das des Sozialismus stellt: Am Anfang aller ästhetischen Motive steht die Symmetrie. Um in die Dinge Idee, Sinn, Harmonie zu bringen, muss man sie zunächst symmetrisch gestalten, die Teile des Ganzen untereinander ausgleichen, sie ebenmäßig um einen Mittelpunkt herum ordnen. Die formgebende Macht des Menschen gegenüber der Zufälligkeit und Wirrnis der bloß natürlichen Gestaltung wird damit auf die schnellste, sichtbarste und unmittelbarste Art versinnlicht. So führt der erste ästhetische Schritt über das bloße Hinnehmen der Sinnlosigkeit der Dinge hinaus zur Symmetrie, bis später Verfeinerung und Vertiefung gerade wieder an das Unregelmäßige, an die Asymmetrie, die äußersten ästhetischen Reize knüpft. (1992, 252)
Simmels Plädoyer für das Unregelmäßige ist freilich noch keines für den Zufall. Der ästhetische Genuss des Asymmetrischen basiert auf wohlüberlegten Verstößen gegen die Erwartung. Die Entscheidung für das unchronologische Erzählen zum Beispiel ist nicht nur eine gegen die simple Ordnung der Zeit, sondern auch eine für eine andere, viel kompliziertere Ordnung: der Kausalitäten, der versteckten Bezüge, der geheimen Zeichen. Selbst in Tarentinos Pulp Fiction, wo der völlig unchronologische Handlungsgang nicht einmal auf der Erzählebene durch einen auktorialen Erzähler gerechtfertigt wird, ist nicht zufällig der von Travolta gespielte Killer auf der Erzählebene schon längst tot, wenn ihm sein Compagnon auf der Handlungsebene am Ende des Films erklärt, aus dem Gangstergeschäft aussteigen zu wollen. Die asymmetrische Ästhetik ist nicht der Verzicht des Künstlers auf Formgebung, sondern bewusste Gestaltung auf einem höheren Niveau. Was das ästhetische Konzept der Hyperfiction betrifft, steht man zunächst vor der Frage, wie eine künstlerische Formgebung erfolgen soll, wenn der Autor nicht mehr die Macht über seinen Text besitzt und dessen Form am Ende dem Leser bzw. dem Zufall überlassen wird. Diese Frage führt zur Vorgeschichte nichtintentionaler Formgebung.
Die einschlägigen Debatten verweisen mitunter auf die Tradition der kombinatorischen Dichtung, die in ähnlicher Weise die Erstellung des Textes den Lesern überlässt. Wie schon erwähnt werden die barocken Poetikmaschinen ebenso herangezogen wie die neueren Experimente multilinearer Narration der Gruppe Oulipo. Die Botschaft dieser Ars Combinatoria läuft faktisch immer wieder auf die Botschaft der Wechselhaftigkeit hinaus. Quirinus Kuhlmann liefert im Appendix zu seinem Gedicht Wechsel menschlicher Sachen (1671) den philosophischen Grund dieser Botschaft: Alles wechselt; alles libet; alles scheinet was zu hassen: Wer nur disem nach wird denken / muss di Menschen Weißheit fassen (vgl. Cramers Website Permutationen). Die Botschaft entspricht dem Lebensgefühl des kopernikanisch belehrten Barock, das mit dem Mittelpunktstatus im Sternensystem auch die Verbindlichkeit des Kanonischen verlor. Wie Eco, dessen Untersuchungen zum offenen Kunstwerk wesentlich von Luciano Anceschis Barocco e Novecento (1960) angeregt wurden, festhält, ist die barocke Form im Gegensatz zur statischen, unmissverständlichen Bestimmtheit der klassischen Renaissanceform dynamisch, strebt nach einer Unbestimmtheit der Wirkung (in ihrem Spiel von Fülle und Leere, Licht und Schatten, mit ihren Kurven, gebrochenen Linien, unterschiedlichen Neigungswinkeln) und suggeriert eine fortschreitende Auflösung des Raumes (1977, 35). Diese Ästhetik lässt sich auf die Poetik der kombinatorischen Dichtung übertragen, die in ihrer permutativen Variante genau jenes Spiel mit dem Material und jene Dekonstruktion der bestimmten Aussage darstellt.[36]
Die poetischen Experimente der Oulipo-Gruppe (Ouvroir de Littérature Potentielle), die sich 1960 um François Le Lionnais (1901-1984) versammelte, um traditionelle Literaturformen experimentell aufzubrechen, schließen an diese Tradition der nicht intentionalen, subjektentbundenen Texterzeugung an so wie zuvor schon der Surrealismus mit dem Konzept der écriture automatique und der Dadaismus mit dem Konzept der Zufallssammlung sprachlicher Readymades, das sich später in veränderter Form wiederum in William Bourroughs Cut-up-Poetik finden lässt.[37] Dass der Surrealist und Dadaist Marcel Duchamp 1962 zu Oulipo stieß, bezeugt die Verwandtschaft dieser verschiedenen Avantgardpositionen auch personell.
Die Intention von Oulipo bestand im Anoulipism der Analyse von Werken der Vergangenheit auf ihr avantgardistisches Potential hin und im Synthoulipism der Erfindung neuer Literaturformen. Ein Paradebeispiel der neuen, potenziellen Literatur ist Raimond Queneaus (1903-1976) Cent Mille Milliards de poèmes (1961), und zwar schon deswegen, weil der Großteil des hier vorgelegten Textes (immerhin 100 Billionen Lektüregänge) in einer Lebenszeit gar nicht gelesen werden kann (Quenau veranschlagt über 190 Millionen Jahre ununterbrochener Lektüre), also tatsächlich im Stadium des Potenziellen verbleibt. Wenn Lionnais seinem zweiten Manifest als Motto P. Févals Ausspruch I am working for people who are primarily intelligent, rather than serious voranstellt, sind damit wohl die beiden Eigenschaften benannt, die diese Literatur ihren Lesern abverlangt: statt genießender Versenkung in die Welt hinter den Buchstaben Lektüre als intellektueller Witz auf der Oberfläche der Schrift. Amüsement wird hier nicht geboten oder nur im Sinne des mathematical entertainments, wie Queneau, Hauptinspirator der Gruppe, in seiner Beschreibung der Potentielle Littérature anmerkt. Amüsant, so Queneau, ist die Arbeit des Oulipo zumindest für deren Autoren; im übrigen sei, so die Antwort auf den Vorwurf, Oulipo-Werke seien langweilig, Amüsement kein angestrebter Wert.[38]
Was Oulipo leistet und was in Begriffen wie mathematical entertainments und witticisms, analogous to certain parlor games anklingt , ist im Grunde die Mathematisierung des intellektuellen Witzes. Zielt diese Literatur also auf eine Ästhetik für Mathematiker?[39] Lionnais verweist auf Pascal und dAlambert als Vertreter sowohl der Literatur wie der Mathematik und sieht diese doppelte Nationalität in der Gegenwart in Queneau auferstanden (Motte 1998, 76). Was freilich noch nicht den Vorwurf der leeren Akrobatik entkräftigt, den Motte in seiner Einleitung bezeugt (ebd., 3).
Eine aktuelle Form der Ingenieursästhetik ist die Pearl-Lyrik, in der zum Beispiel die Zeichenfolge my $enses nicht nur für my senses steht, sondern das Dollarzeichen als Textspeichervariable dem Vers die Zusatzsemantik der Perl-Syntax gibt und somit eine poetische Verdichtung durch das Zugleich zweier Sprachebenen erfolgt (Cramer 2001). Wie Cramer einräumt, führen viele Textspiele mit der Selbstbezüglichkeit digitaler Codes zu Texten, die nur noch für Computerkenner lesbar sind. Und doch unterscheiden sich diese Phänomene von der Akrobatik bei Oulipo, deren Ehrgeiz nicht im Gewinn einer solchen Zusatzsemantik liegt, sondern in der Lösung auferlegter struktureller Zwänge, wie im Falle des Homophonismus,[40] des Palindroms,[41] Lipograms[42], Pangrams[43] oder Tautograms.[44] Durch diesen Ehrgeiz unterscheiden sich die Experimente der Oulipo-Gruppe auch von den zuvor erwähnten aleatorischen Experimenten oder neueren, digitalen Spielformen der Aleatorik wie The Great Wall of China von Simon Biggs, wo aus dem zugrundeliegenden Kafka-Text mittels Textgenerator und Syntaxprogramm neue Sätze kombiniert werden, und zwar unendlich viele und unabhängig von semantischer Logik. Die Experimente der Constrainte-Tradition dazu sind wohl auch die oben erwähnten kunstvoll gebauten Gittergedichte zu zählen, wo eins ins andere sich fügt, so wie Gottes Schöpfung selbst unterstreichen die Fähigkeit des Autors, trotz kompliziertester Produktionsvoraussetzungen kohärente Texte erzeugen zu können, und produzieren gerade durch diese erschwerten Bedingungen Kreativität (Riha 1980). Die Experimente des automatischen Schreibens und der ungezähmten Permutation setzen hingegen die Absage an ein gestaltendes Subjekt und die Inthronisation des Zufalls als Schöpfer um. Worin liegt der Reiz dieses unberechenbaren Autors?
Die Antwort lässt sich zunächst ex negativo geben: Der Reiz liegt offenbar nicht in einer kohärent erzählten Geschichte. Die Rezeption aleatorisch erstellter Werke, die nicht durch eine Nachbearbeitung intentionalisiert wurden,[45] führt, wie Holger Schulze es nennt (2000, 74f. u.ö.), zu einem semantischen horror vacui, wenn man diese Werke nach einem Sinn bzw. nach Kohäsion und Kohärenz absucht. Der Leser wird aleatorische Experimente nur dann genießen, wenn er diese Suche aufgibt und sich auf das nicht intentionale Spiel der Zeichen einlässt, auf das Arrangement des Materials und die Erfindung neuer Text-Welten bzw. Klang-, Farb-, Bild-, Choreographie-Welten, denn die Aleatorik ist als Konzept ebenso in Musik, Malerei, Film oder Tanz anzutreffen abseits bekannter, einschränkender Konstruktionsmuster. Max Bense notierte 1960 in seinem Manifest einer neuen Prosa als Ziel des Sprachspiels digitaler Texte, der Außenwelt zugunsten ästhetischer Gewinne semantische Verluste beizubringen Markoffketten, nicht Bedeutungen erzeugen Schönheit oder Hässlichkeit (1960, 21) ; Dieter Baake spricht mit Bezug auf die Unsinnspoesie von einer Propädeutik für schöpferische Vorstellungen (1995, 377).
Dass dies amüsant sein kann zumal bei lyrischen Formen, die ohnehin stark mit Wortkonstellationen und Bildern experimentieren , zeigen solch kuriose Ergebnisse wie die folgenden, von einem Lyrik-Programm namens Racter geschriebenen Verse: Bill sings to Sarah. Sarah sings to Bill. Perhaps they / will do dangerous things together. They may eat lamb or stroke / each other. They may chant of their difficulties and their / happiness. They have love but they also have typewriters. / That is interesting. (Dickey 1996, 37) Die Wahl zwischen Lammbraten und Schlägerei und die Verbindung von Liebe und Schreibmaschine entbehrt gewiss nicht des Charmes, der letztlich auf der Kooperation von Computer und zwei lebenden Autoren, Thomas Etter und William Chamberlain, beruht, denn Etters und Chamberlain gaben das Material und die Kombinationsmöglichkeiten vor, auf deren Basis der Computer seine Kombinationen erstellen konnte. Espen Aarseth schlägt daher statt des üblichen Begriffs Computerliteratur den Begriff Cyborg Literature vor a combination of human and mechanical activities (1997, 134) , wobei er drei Verfahren der Zusammenarbeit unterscheidet: (1) preprocessing, in which the machine is programed, configured, and loaded by the human; (2) coprocessing, in which the machine and the human produce text in tandem; and (3) postprocessing, in which the human selects some of the machines effusions and excludes others (135). Im Falle Racter ist von Preprocessing zu sprechen, ebenso wie übrigens im Hinblick auf Queneaus Cent Mille Milliards de poèmes, die, wie Schulzes Analyse vor Augen führt, freilich nur auf der Grundlage einer strengen Komposition unpersönliche Sprechweise, isolierbare, rekombinierbare Einheiten funktionieren (2000, 225ff.).
Dass solch künstlich erzeugte Poesie nicht nur als amüsant empfunden werden, sondern auch ihre Verehrer und Förderer wider Willen finden kann, zeigt das Beispiel der beiden Österreicher Franz Joseph Czernin und Ferdinand Schmatz. Diese hatten, nach Misserfolgen mit intentional erzeugter moderner Lyrik, ein Computerprogramm 80 Gedichte erstellen lassen, die ihnen endlich die Verlagstüren öffneten. Als das Buch Die Reisen. In achtzig flachen Hunden in die ganze tiefe Grube 1987 beim Residenz-Verlag erschien und mit Preisen geehrt wurde, lüfteten die beiden das Geheimnis und brachten damit dem zeitgenössischen literarischen System eine Wunde bei, in der man seither jederzeit bohren kann. Im Grunde realisierten Czernin und Schmatz, was Italo Calvino bereits 1967 in seinem Vortrag Cibernetica e fantasmi prophezeit hatte. Die wirkliche literarische Maschine, schrieb Calvino im Hinblick auf die Rolle des Zufalls als Mittel formaler Destruierung und Protest gegen gewohnte logische Zusammenhänge, wird selbst das Bedürfnis verspüren, Unordnung herzustellen, allerdings als Reaktion auf ihre vorherige Produktion von Ordnung; die Maschine wird Avantgarde herstellen, um ihre Schaltkreise freizupusten, die von einer zu lang anhaltenden Produktion von Klassizismus verstopft sind. (1984, 14f.)[46]
Unordnung als Avantgarde, das ist die Rechnung, die sich leicht anbietet und die wieder den Bezug zu Simmels asymmetrischer Ästhetik herstellt. Wie schon angemerkt, liegt deren Sinn allerdings nicht im Verzicht auf Formgebung, sondern in einer Formgebung, die über die klassischen Konstruktionsmuster hinausgeht und mit unerhörten Klängen, wie Franz Josef Czernin es im Rückblick auf den 87er Coup formuliert (1998, 34), daherkommt. Czernin beklagt, dass das Publikum meist nur hören wolle, was leicht ins Ohr geht, und es kaum als Kompliment für einen Text ansieht, wenn man nicht gleich beim ersten, zweiten oder dritten Lesen auf seinen Geschmack kommt (ebd.). Dieser gewiss berechtigten Klage wäre hier wieder entgegenzufragen, wie geduldig man aber sein soll mit einem unverständlichen Text, wenn dieser nicht von einem Autor komponiert oder zumindest nachsemantisiert, sondern ganz im Modell des Preprocessing durch einen Computer erzeugt wurde.
In diesem Zusammenhang ist der Verweis auf eine Differenzierung hilfreich, die im Einsatz der Aleatorik v.a. in der Musik vorgenommen wird: Mikro- und Makro-Aleatorik, d.h. die Verwendung von Zufallsoperationen auf der Kompositions- bzw. auf der Interpretationsebene. Musik for Changes von John Cage (hier wird die Tonfolge durch Zufallsoperationen gewonnen) ist ein Beispiel für die Mikro-Aleatorik, die III. Klaviersonate von Pierre Boulez (hier kann der Spieler Reihenfolge, Geschwindigkeit und Grundlautstärke der nicht klar miteinander verbundenen, aber intentional entstanden Module selbst wählen) ist Beispiel der Makro-Aleatorik (Schulze 2000, 27f.). Die Mikro-Aleatorik entspricht im Grunde den auf Transformationsgrammatik und Markoff-Ketten beruhenden automatischen Textproduktionen, die Makro-Aleatorik erinnert eher an das Prinzip Hypertext, das den Interpreten zum Komponisten macht, der die Endgestalt des Werkes innerhalb des vom Autor vorgegebenen Bauplans mitbestimmt: Multiple Choice für Interpreten (ebd., 28). Bemerkenswert ist die Kontroverse zwischen beiden Aleatorik-Varianten, die sich in Boulez Vorwurf an Cage äußert, dessen Zufallsoperationen entließen den Komponisten aus der Verantwortung für sein Werk und maskierten nur Schwächen in der Kompositionstechnik (ebd., 29); ein Vorwurf, der sich in aktuellen Äußerungen gegenüber den Autoren von Hyperfictions wiederholen wird (vgl. Abschnitt 9).
Der Reiz aleatorischer Verfahren liegt in der Auflehnung gegen den Denk- und Realitätszwang, gegen logische, praktische und ideelle Normen, wie es Klaus Peter Dencker für die wahlverwandte Unsinnspoesie festhält: Die Freiheit des Denkens soll in der Lust am Unsinn gerettet werden.(1995, 11) Wenn Dieter Baake im gleichen Zusammenhang erklärt Nonsense ist Schöpfung ohne Mythos und Logos (1995, 376), so gilt dies nicht minder für den Zufall, der den Schöpfungsprozess vom Autor, als dem potenziellen Träger von Mythos und Logos, löst. Theoretische Rückendeckung in ambitioniertester Form erfährt der Aufbruch ins Spiel des Nichtintentionalen im Hinweis, dass der Zufall zugleich von der zufälligen Subjektivität befreie. So notiert Schulze im Hinblick auf Queneaus Cent Mille Milliards de poèmes zum Beispiel: Das polyphone Spiel ist für Queneau ein heuristisches Mittel, um die unterschiedlichsten Perspektiven mit ihren Intentionen zu Wort kommen zu lassen alle Stimmen, Stile, Weltbilder. (2000, 231) Diese Erklärung greift hoch hinaus und verpasst der Ars Combinatoria eine gewichtige gesellschaftspolitische Funktion: Die Polyphonie ist demnach Ausdruck eines Kontingenzbewusstseins, das sich eingestehen kann, dass »un message na plus de réalité que tout le reste«,[47] eine Position, die bei Cage zu beobachten war, im Zen-Buddhismus, vor allem aber in Schwitters Position des »Alles stimmt aber auch das Gegenteil«. (ebd.) Ohne dieses Bewusstsein um die Kontingenz des eigenen Standpunkts, so Schulzes Finale mit Zitatanleihe bei Ludwig Harig, würden die Menschen Einstellungen und Ideologien so ernst nehmen, dass sie sich für die geglaubte Wahrheit dieser Worte den Schädel spalten lassen (ebd.).
Damit sind wir im philosophischen Einzugsgebiet der Postmoderne. Aleatorik und Kombinatorik werden hier aus dem Geiste des Konstruktivismus verstanden; der Verlust der Wahrheit führt wie im Barock einst der Verlust der kosmischen Mitte zum Spiel mit den Zeichen. Allerdings erfolgt die ästhetische Übersetzung des konstruktiven Charakters aller Wahrheitsbehauptungen im vorliegenden Fall in einer Form, die keineswegs zwingend ist. Die Verabschiedung der einen Wahrheit erfolgt im postmodernen Modell eher in der Dekonstruktion des Gesagten als in dessen unendlicher Variation oder in apriorischer Sinnverweigerung. Es ist nicht so, dass am Ende gar nichts mehr behauptet würde, wie Manfred Frank unter dem Stichwort Nichtinterventionalismus der Postmoderne unterstellt (Frank 1993, 138). Es werden durchaus Aussagen getroffen und Positionen eingenommen, nur eben ohne jenen Wahrheitsanspruch, ohne jenes philosophische happy end (Veyne 1991, 213), das zu fundamentalistischen Haltungen führt (vgl. Simanowski 1997).
Auf den Sachverhalt der Kontingenz kann selbst polyphon reagiert werden. Die fröhliche Feier des Zufalls ist keinswegs die einzige Reaktion, und vielleicht ist sie, eben wegen des eintretenden semantischen horror vacui, didaktisch sogar die ungeschickteste. Sie betreibt Aufklärung durch Radikal-Befremdung aufgrund der falschen Vorannahme, dass jede Ordnung gleichermaßen berechtigt, weil gleichermaßen konstruiert und kontingent sei. Konstruktivistisch argumentiert ist aber nicht jede Ordnung, einschließlich der des Zufalls, gleichermaßen konstruiert, denn konstruierte Ordnungen entstehen aus kollektiv geteilten Diskursen und Kulturalisationen und gelten auch nur innerhalb dieser als zwingend und wahr. Die hermeneutische Binsenwahrheit besagt, dass die Vermittlung des Unbekannten auch Anschließbarkeiten an Bekanntes mit sich führen muss, da bei einem Übermaß an Unordnung Baake nennt dies im Hinblick auf den Nonsense euphemistisch: Information (1995, 377) Rezipienten ihr Interesse am Entziffern verlieren.
Ein Umbau der Wahrnehmungsmuster, der dies in Rechnung stellt, wird in die Logik der Konstruktionen schlüpfen und deren Annahmen gewissermaßen von innen durch Strapazierung der Glaubwürdigkeit in Frage stellen. Beispiel einer solchen Wolf-im-Schafspelz-Ästhetik sind die Websitefälschungen, die den offiziellen Diskurs der behaupteten Institution sei es ein Wirtschaftsunternehmen, sei es das Bundesministerium des Innern oder die World Trade Organisation scheinbar wiedergeben, in Wahrheit aber durch einen Gegendiskurs ersetzen (vgl. Simanowski 2001a). Hier wird Skepsis in Botschaften und Deutungsmonopole nicht durch die Abwesenheit jeglicher Semantik,